• Frage: Finden sie es moralisch korrekt einen Tierversuch durchzuführen bei dem das Tier dafür umgebracht weden muss?

    Frage gestellt Leon M. am 5 Mai 2021.
    • Foto: Marianne Papagrigorakes

      Marianne Papagrigorakes Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Hallo Leon,
      Dass ist tatsächlich eine schwierige Frage und es gibt oft in der Uni auch Fächer, die sich mit den moralischen Aspekten der Experimente von Naturwissenschaftler auseinandersetzen. Persönlich, habe ich mich entschlossen keine Tierversuche zu machen aber es gibt Themen, wo Forschung ohne Versuchstiere nicht möglich ist und nicht weiterkommt. Viele wichtige Erkenntnisse wurden dadurch gemacht.
      Es wird aber auch sehr intensiv geforscht wie man diese Tötung vermeiden kann, indem man künstliche Ersatz-Systeme baut, um es möglich zu machen ohne Tierversuche weiterzukommen.

    • Foto: Wiebke Sickel

      Wiebke Sickel Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Hallo Leon, Marianne hat deine Frage schon sehr gut beantwortet, wie ich finde.
      Ich möchte dazu noch einen ähnlichen Punkt aus der Ökologie erwähnen: Bei der traditionellen ‚Inventur‘, welche Arten (zum Beispiel Insekten), es an einem bestimmten Standort gibt, werden Individuen gefangen, getötet und unter dem Mikroskop analysiert, um ihre Art zu bestimmen. Das ist zwar in dem Sinne kein Tierversuch, aber auch hier werden Tiere für die Forschung umgebracht. Das sind meist keine großen Eingriffe in die Insektenpopulationen, kann aber bei seltenen oder gefährdeten Arten schon brenzlig werden. Daher wird auch hier nach alternativen Methoden geforscht, ein Projekt in Ulm testet zum Beispiel, inwiefern Bienen lebend bestimmt werden können, sodass man sie direkt wieder frei lassen kann. An meinem Forschungsinstitut entwickeln wir Methoden anhand von DNA-Sequenzierung, testen aber auch andere Ansätze.

    • Foto: anon

      anon Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Gute Frage. Leider gibt es oft keine Alternative – egal, was manche behaupten. Viele Forschungsansätze funktionieren nur am ganzen Organismus. Ganz einfaches Beispiel: Mikrochirurgen üben an Teflonschläuchen, wie man kleine Blutgefäße zusammennäht. Die könne aber nicht zusammenheilen. Bevor man diese Operateure also auf Patienten „loslässt“, müssen sie es an Tieren üben. Und nicht jedes Tier überlebt das. Zweites Beispiel: Bei Murmeltiere wirkt Hepatitis B (eine durch ein Virus verursachte Leberentzündung) ganz ähnlich wie bei uns Menschen. Wenn ich also diese Krankheit erforschen will, bin ich ab einem bestimmte Punkt auf den Tierversuch angewiesen. Oder ich verzichte darauf, wirksame Medikamente zu entwickeln.

    • Foto: Kimberly Hartl

      Kimberly Hartl Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Hallo Leon, da muss man natürlich immer abwiegen und es gibt in Deutschland ganz viele Gesetze und Regularien, die man beachten und einhalten muss, damit man überhaupt einen Tierversuch machen muss. Da ist genau festgelegt, wie das vonstatten gehen muss, was man vorher alles beantragen muss und welche Aufzeichnungen man über den Versuch macht. Auch eine ethische Abwägung muss im Antrag erfolgen und das wird dann alles behördlich geprüft. Ich persönlich finde es moralisch in Ordnung, da nur so auch Menschen geholfen werden kann. Noch sind wir einfach nicht so weit, Tierversuche komplett mit zellbasierten Methoden zu ersetzen.

    • Foto: Nicolai von Kügelgen

      Nicolai von Kügelgen Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Hey Leon,

      wie die anderen schon geschrieben haben, ist dass natürlich keine ganz so einfache Frage und prinzipiell muss für jeden Tierversuch einzeln neu bewertet werden, ob er moralisch korrekt ist oder nicht.

      Prinzipiell bin ich (und auch viele andere Leute – ansonsten wären Tierversuche sowieso komplett verboten) der Meinung, dass ein Tierversuch dann moralisch korrekt ist, wenn wir (zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit) durch den Versuch besser verstehen wie man Menschen helfen kann. Ein Tier dabei dann zu töten finde ich dann sogar besser, als wenn das Tier längere Zeit mit Schmerzen oder ähnlichem weiterleben müsste.

      Leider ist die Forschung bisher noch nicht so weit, dass wir alle Tierversuche durch andere Experimente ersetzen können (bei den Experimenten, bei denen das geht wird das nämlich eh schon gemacht). Man muss sich in dem Fall also dazwischen entscheiden ob man weiter Forschen will (zBsp um zu verstehen wie Neurogenerantive Krankheiten entstehen oder um zu verstehen wie die Bildung von Organen genau abläuft) oder ob man lieber keine Tierversuche macht. Da wir ohne Forschung viele Probleme inder Zukunft wahrscheinlich nicht lösen können werden, macht man dann eben doch Tierversuche – aber nur die bei denen man sich sicher ist, dass es für die Forschung wirklich nötig ist.

    • Foto: Christine Römer

      Christine Römer Beantwortet am 15 Mrz 2021:


      Hallo Leon M.!
      Ich bin für die Vermeidung von Tierversuchen. Heutzutage gibt es so viele Alternativen zu Tierversuchen (pluripotente Stammzellen, Organoide, Body-on-Chips, Magnetresonanztomographie in allen Variationen), dass viele Tierversuche vermieden werden können. Außerdem bin ich, da ich mich ausgiebig mit menschlichen Besonderheiten beschäftigt habe, etwas skeptisch, wenn es darum geht, die Ergebnisse von Tieren auf Menschen zu übertragen. In manchen Fällen lässt sich das aber auch heute noch nicht vermeiden, kann und sollte aber, wo möglich, mit modernen Ansätzen minimiert werden. Ich finde es gut, dass es in Deutschland Systeme gibt, die sich um die Regularien der Tierforschung (LaGeSo), aber auch die der Stammzellen (RKI) kümmern. Das stellt sicher, dass die Experimente gut durchdacht sind. Der Einsatz von Tieren sollte auch statistisch begründet werden (durch Pilotstudien und G-Power-Berechnungen).

    • Foto: Timo von Oertzen

      Timo von Oertzen Beantwortet am 16 Mrz 2021:


      Hallo Leon,

      Ich mag Deine Frage. Irgendwie hat man immer Angst davor, bei solchen Fragen mit Mathe zu kommen. Aber ich finde (weiß nicht, wie Du das siehst): Gerade da, wo man viele Gefühle hat, muss man besonders ruhig nachdenken, und das geht gut mit Mathe.

      Wenn es also wirklich nötig ist, weil sonst viele Menschen oder auch andere Tiere sterben würden, kann ich es akzeptieren, wenn Tiere getötet werden. Aber in meiner Forschung versuchen wir gerade, Programme zu schreiben, mit denen man die Zukunft auch ohne Tierversuch so gut wie möglich vorhersagen kann; und oft geht das gar nicht so schlecht. Also habe ich für mich beschlossen, gar keine Tierversuche mitzumachen – auch nicht solche, bei denen die Tiere nicht getötet werden. Nicht, weil ich den Kollegen, die das mache, für moralisch verwerflich halte, sondern weil ich selbst gut darin bin, auch Sachen ohne das rauszukriegen – und ehrlich gesagt gar nicht gut darin bin, es mit Tieren rauszukriegen.

    • Foto: Jan Fiedler

      Jan Fiedler Beantwortet am 16 Mrz 2021:


      Moin Leon! Wichtige Frage und dazu hat in den letzten Jahren ein wissenschaftsweites Umdenken eingesetzt. Das 3R Prinzip (refine, replace, reduce) hat sich zum Ziel gesetzt Tierversuche generell zu reduzieren und mit alternativen Methoden zu ersetzen. Das ist definitiv möglich! Allerdings sind diesen Alternativen auch Grenzen gesetzt, so dass ein Tierversuch für bestimmte Fragestellungen, wie zb. Verträglichkeit eines Medikamentes, unersetzlich ist. Wichtig: Für jeden Tierversuch muss ein Antrag geschrieben werden und die Tierzahl ethisch begründet sein. Das ist die moralische Instanz, die für Wissenschaftler gilt, wenn ein Tierversuch eingeplant ist. Für meine Experimente konnte ich in den vergangenen Jahren das 3R Prinzip sehr gut anwenden und wir setzen aktuell vor allem auf ex vivo Experimente mit Gewebe aus Mensch!

    • Foto: Frieder

      Frieder Beantwortet am 16 Mrz 2021:


      Es ist immer abhängig von der Frage, die beantwortet werden soll. Braucht man wirklich Tierversuche um sie zu beantworten? Welche Wichtigkeit hat die Frage? Gibt es einen direkten Nutzen aus dem Wissen?

      Viele Tierversuche können denke ich vermieden werden, aber für einige Fragen sind sie unabdingbar. Beispielsweise, wenn wir am Immunsystem forschen, gibt es oftmals keine Alternative. Wir verstehen das Immunsystem in seiner Komplexität und im Detailreichtum oft zu wenig, als dass wir da auf Ersatzsysteme ausweichen könnten.
      Wenn neue Impfstoffe erforscht werden sind meist auch Tests an Affen vorausgegangen. Die Immunantworten können manchmal überraschende Effekte bereithalten, die man vorher nicht erwartet hat. Dies ist auch einer der Gründe, warum auch später beim Menschen noch genau hingeschaut wird, ob nicht doch etwas passiert, was nicht erwartet wurde.

      Und wenn Tierversuche durchgeführt werden, dann sollten auch alle strengen Kriterien eingehalten werden. Der Versuch sollte von Anfang an gut durchgeplant sein. Wie viele Tiere sind wirklich nötig um einen eventuellen Effekt zu sehen? Wie geht man mit den Tieren um? usw usw.

    • Foto: Sven Cleeves

      Sven Cleeves Beantwortet am 16 Mrz 2021:


      Hallo Leon,
      die anderen haben schon so viel dazu geschrieben, dass ich nur eine Anmerkung habe: Ich finde es moralisch vertretbar ein Tier zu töten um damit wichtige Erkenntnisse zu gewinnen und vielleicht einmal Menschen mit dem gewonnenen Wissen helfen zu können. Aber es gibt auch Krankheiten die wir Menschen größtenteils nur deswegen bekommen, weil wir nicht gesund leben (zum Beispiel zu viel Zucker und Fett essen, uns nicht genug bewegen oder rauchen). Trotzdem wird viel Geld investiert und auch Tiere in Versuchen eingesetzt um Medikamente gegen solche Krankheiten zu entwickeln. Das könnte man sich sparen, wenn man stattdessen erforschen würde, wie man die Krankheit verhindern kann und mehr in die Bildung der Menschen investiert.
      Das ist ein sehr komplexes Thema und nicht allein durch die Naturwissenschaft zu lösen.

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